Nahaufnahmen von dem Mediziningenieur Moritz Göldner
News
22.02.2022

Patient*innen und deren Angehörige als Innovatoren

Mediziningenieur Moritz Göldner hat uns in den letzten Jahren immer wieder mit seiner Expertise unterstützt. Jetzt publizierte er seine Dissertation zum Thema: Das Potential von Patient*innen und Pflegekräften als Innovatoren für Medizinprodukte. Wir haben ihn interviewt.

Moritz, dein Forschungsansatz, Fachexpert*innen auf ihre Innovationskraft hin zu untersuchen, ist sehr spannend. Wie bist du darauf gekommen?

Vor einigen Jahren habe ich ein Kickstarter Video von einem Diabetiker gesehen, der total begeistert von seinem damals ganz neuen Smartphone und den vielen Funktionen war, die sein Leben vereinfachen sollten. Er fragte sich, ob bzw. wie er damit seine eigene Krankheit besser managen könnte. Diesen Gedanken fand ich sehr spannend und habe ihn immer weiterverfolgt.

Schon 2014/2015 konnte ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Doktorrand am Institut für Technologie- und Innovationsmanagement der Technischen Universität Hamburg feststellen, dass beim Vergleich der Bewertungssternchen in App-Stores, die Apps, die von Patient*innen oder Ärzt*innen entwickelt wurden, deutlich besser abschnitten, als solche von anderen Entwickler*innen. Damals war bereits deutlich, dass es einen statistisch signifikanten Effekt gibt hinsichtlich des Ideengebers und dies kein Zufall ist.

Bei meiner Dissertation hatte ich dann einen großen Datensatz mit über 1000 medizinischen Apps aus drei Ländern ausgewertet, an dem ich meine Hypothesen durch verschiedene Berechnungen belegen konnte. Aber die Idee war, wie gesagt, schon viel früher geboren.

An unserem Lehrstuhl wurde schon immer viel zu User-Innovation im Gesundheitswesen geforscht, der Fokus lag allerdings ausschließlich bei den Ärzt*innen. Auch ich glaube nicht, dass Patient*innen neue Medikamente für Krebstherapien auf den Markt bringen werden. Aber Betroffene von s.g. Volkskrankheiten und chronisch Erkrankte (sowie deren Angehörige) eigenen sich immer mehr Wissen selbst an und werden mündiger. Dadurch entsteht Wissen, das komplementär zu dem von Ärzt*innen oder anderen Akteuren sein kann. Dann braucht es nur noch jemanden, der in der Lage ist, zu programmieren. Und am Ende können Betroffene oder Angehörige mit diesem aufbereiteten Wissen sehr viel anfangen. Der Bedarf ist einfach da.

Welche Chancen siehst Du für die DiGA im deutschen Markt?

Die DiGA bieten die Chance, Ärzt*innen und Patient*innen mit viel besseren Daten zu versorgen. Mit einer chronischen Erkrankung werde ich meist einmal pro Quartal zu meiner Ärztin oder meinem Arzt bestellt, weil das so am besten abgerechnet werden kann. Dann werde ich bspw. gefragt, wie denn die letzten 12 Wochen mit meiner chronischen Erkrankung waren. Als Patient kann ich mich wahrscheinlich noch daran erinnern, wie das vorgestern war, aber was genau vor 8 Wochen war, das weiß ich nicht mehr. Hier liegt die große Chance: Betroffene wissen, worauf sie achten müssen, um Ärzt*innen diese Informationen geben zu können, damit dann entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden können! Dadurch entsteht eine bessere Datengrundlage, die den Ärzt*innen und den Patient*innen hilft, bessere und individuellere Entscheidungen zu treffen. Das führt dann idealerweise zu einer besseren Therapie-Adhärenz. Patient*innen verstehen einfach besser, warum was gemacht wird.

Ich halte es für eine gute und mutige Entscheidung die DiGA mit dem Fast-Track-Verfahren auf den Markt zu bringen und freue mich auf die vielen weiteren Anwendungen, die in den nächsten Monaten auf den Markt kommen werden.

Was glaubst du, welcher Art von Sensoren oder anderer Datenquellen werden sich DiGAs in Zukunft bedienen?

Bei ca. ¼ der DiGAs, die sich derzeit im Antragsprozess beim BfArM befinden, ist ein Device mit dabei, z.B. ein Wearable oder eine VR Brille. Ich glaube, die ideale DiGA nimmt Daten automatisch auf, bereitet sie auf und stellt sie zur Verfügung. Kein Mensch hat Lust, ständig irgendwelche Daten ins Handy einzugeben! Viele Informationen z.B. zu Puls, Sauerstoffsättigung oder Schrittzahl können automatisch aufgezeichnet werden. So könnte es in Zukunft bei DiGA üblich werden, dass eine entsprechende essenzielle Hardware mit verschrieben wird.

An welchen Themen arbeitest Du momentan?

Ich habe gerade eine Studie mit dem health innovation hub (hih) des Bundesgesundheitsministeriums und der Patientenbeauftragten der Bundesregierung abgeschlossen. Wir wollten gemeinsam herausfinden, welche Versorgungslücken es heute aus Sicht der Patient*innen im Gesundheitswesen gibt und was getan werden muss, um diese zu schließen.

Dazu haben wir eine Befragung unter Patient*innen gemacht, auf die es unglaublich viel Resonanz gegeben hat – in nur zwei Wochen hatten wir 1451 vollständig ausgefüllte Fragebögen. Nahezu die Hälfte der Befragten hatten konkrete Ideen zur Verbesserung ihrer Versorgung. Viele Betroffene haben sehr gute und konkrete Vorstellungen davon, wie sich ihre unerfüllten medizinischen Bedürfnisse erfüllen lassen. Da kamen viele Ideen für Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) und Daten-getriebene Innovationen ans Licht.

In den letzten Monaten habe ich dann mit dem hih gemeinsam sechs dieser Patientenideen mit Vernetzung und Coaching unterstützt. Einige der Teams haben wirklich große Fortschritte in dieser Zeit gemacht. Und ich hoffe, dass wir bald die ersten Ideen in der Versorgung ankommen sehen.

About Dr. Moritz Göldner

Dr. Moritz Göldner ist Diplom-Mediziningenieur und studierte an der Technischen Universität Hamburg (TUHH), der TU Berlin und der Shanghai Jiao Tong University. Er promovierte am Institut für Technologie- und Innovationsmanagement zum Thema „Innovative Patient*innen“.

Moritz Göldner ist Co-Founder von Innovatinghealth.care und berät als Innovationsberater für Kunden-zentrierte Innovationen im Gesundheitswesen seine Klienten bei der Einbeziehung von Nutzer*innen in den Innovationsprozess. Dabei baut er Brücken zwischen den Bedürfnissen der Patient*innen und Ärzt*innen sowie den Anforderungen der Hersteller. Einen besonderen Fokus legt er dabei auf digitale Medizinprodukte und auf Aspekte der Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen. Darüber hinaus ist er Lehrbeauftragter für Produktplanung, Innovationsmanagement und eHealth an der Technischen Universität Hamburg (TUHH) und der FOM Hochschule für Ökonomie in Hamburg.

Seine Publikation „Patients and Caregivers as Developers of Medical Devices – an Empirical Study on User Innovation in the Healthcare Sector“ ist beim Verlag verfügbar oder in Moritz Göldners Lieblingsbuchhandlung .